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Reisebericht Guatemala 2026 Teil 4
Bevor wir umkehren, bitte ich Víctoriano noch um ein Foto. Bis jetzt hatte ich daran gar nicht gedacht – der Weg war zu sehr im Mittelpunkt.
Eigentlich muss ich mich nur umdrehen, um den Abstieg vor mir zu sehen. Nach oben geht es irgendwie immer. Nach unten ist es deutlich schwieriger.
Genaro schaut sich kurz um und findet sofort den perfekten Stock für mich. Lang genug, stabil und am unteren Ende sogar mit drei kleinen Aststümpfen, die zusätzlichen Halt geben.
Also: Stock in der rechten Hand, Víctorianos Hand in der linken – und los.
Es funktioniert.
Genaro und Francisco haben natürlich nichts Besseres zu tun, als hinter mir den Hochzeitsmarsch zu summen. Ich kenne dieses Spiel schon. Genaro nutzt die Gelegenheit gleich noch für ein Foto.
Auf dem Bild wirkt der Abstieg erstaunlich harmlos. Wie so oft eine Frage der Perspektive.
An einer besonders steilen Stelle entscheide ich mich für die technisch wahrscheinlich beste Lösung: auf dem Hosenboden weiter. Mehr Kontaktfläche, mehr Sicherheit. Manchmal ist Pragmatismus wichtiger als Würde.
Unten angekommen, schauen wir uns an, grinsen und steigen wieder in den Toyota.
Nach wenigen hundert Metern wartet die nächste Finca. Dieses Mal gehört sie Francisco. Der Hang ist etwas weniger extrem, aber immer noch beeindruckend steil.
Zwischen den Kaffeepflanzen wachsen Bananen und einzelne Avocadobäume. Irgendwo aus dem dichten Grün hören wir Kühe muhen.
Francisco erklärt mir, dass der höchste Punkt seiner Finca über 2.000 Meter Höhe liegt. Wir gehen weiter durch das Dickicht, bis plötzlich ein Stück Wellblech auftaucht. Wenige Meter später wird klar, was dahintersteckt: ein einfacher Unterstand und daneben zwei Kühe.
Sie stehen geschützt unter einer dicken dreieckigen Plane auf festgestampfter Erde. Daneben ein steinerner Trog mit frischem Gras.
Meine Frage, wie die Kühe hierhergekommen sind, beantwortet Francisco lachend:
„Langsam.“
Eigentlich logisch.
Die Kühe sind nicht nur Tiere, sondern Teil des Systems. Ihr Mist dient als Dünger für die Kaffeepflanzen. So muss zumindest kein zusätzlicher Dünger den steilen Hang hinaufgetragen werden. Das Einsammeln und Verteilen dürfte allerdings Herausforderung genug sein.
Obwohl Franciscos Finca nicht besonders groß ist, dauert die Ernte hier deutlich länger als auf einer vergleichbaren Fläche in ebenem Gelände. Die letzte Ernte hat vier Wochen gedauert – nicht wegen der Anzahl der Pflanzen, sondern wegen der Bedingungen.
Der Rückweg ist etwas entspannter. Unten angekommen setzen wir uns wieder ins Auto. Víctoriano dreht den Zündschlüssel. Der Toyota reagiert. Mit Geräuschen. Aber nicht mit einem laufenden Motor. Fünf Minuten später hat sich daran nichts geändert.
Inzwischen steht Francisco mit einem Radmutternschlüssel unter der Motorhaube und bearbeitet irgendein Bauteil mit erstaunlicher Entschlossenheit. Ein dumpfes Klacken.
Noch einmal der Zündschlüssel. Der Motor springt an. Natürlich.
Ein kurzer Blick in die Runde. Lachen. Und weiter geht die Reise.
Weiter geht es – diesmal bergab – zu Rufino Jorge Juárez López und seinem Haus. Auch Rufino habe ich bereits bei meiner ersten Guatemala-Reise kennengelernt.
Seine Stimme ist sanft und leise, besonders im Vergleich zu meinen drei anderen Begleitern, deren Energie und Lautstärke den Tag bisher geprägt haben. Sein Haus ist von einem kleinen, blühenden und farbenfrohen Garten umgeben. Die Blumen sind wunderschön, und ich bitte Rufino, ein Foto von mir davor zu machen.
Ich teste weiterhin mein neues Quijote-Handy. Die Fotos sind wirklich beeindruckend – die Bedienung hingegen bleibt für mich gewöhnungsbedürftig. Aber Computer, Handys und ähnliche Geräte werden vermutlich nie meine besten Freunde werden.
Gemeinsam gehen Rufino und ich auf seine Finca. Hier zeigt sich ein anderes Bild als zuvor.
Die Kaffeepflanzen wirken deutlich gestresster. Einige Blätter sind gelb, der Boden ist trocken, Gräser und Blätter von Bananenpflanzen sind vertrocknet. Gleichzeitig tragen viele Pflanzen noch Blüten und Kirschen – allerdings in ganz unterschiedlichen Reifestadien.
Mit wenigen Handgriffen pflücken wir von einer Pflanze eine Handvoll roter Kirschen. Der fehlende Regen setzt die Pflanzen sichtbar unter Druck. Die Produktion scheint sich zu beschleunigen: Blüten, unreife und reife Kirschen finden sich gleichzeitig an derselben Pflanze.
Welche Auswirkungen dieser Stress auf die Qualität in der Tasse haben wird, wird sich erst später zeigen.
Rufino möchte uns gerne zum Mittagessen einladen. Heute ist das jedoch leider nicht möglich. Umso mehr freut er sich, dass Víctoriano, Francisco und Genaro seine angebotene Cola annehmen.
Ich freue mich über das Wasser und versichere ihm mehrfach, dass alles gut ist. Ich habe alles dabei und brauche weder Chips noch irgendetwas aus dem kleinen Kiosk nebenan.
Herzlich verabschieden wir uns. Rufino versichert mir, dass wir uns am Dienstag bei der Versammlung der Sozios wiedersehen werden.
Wir steigen wieder in den Toyota und fahren weiter zu Víctorianos Haus.
Dort stehen seine Frau und seine Mutter bereits am traditionellen Ofen und bereiten Tortillas und Hühnersuppe vor.
Während sich die Wolken immer dichter zusammenziehen, gehen wir vor dem Essen noch auf die Terrasse. Der Ausblick ist überwältigend: Die Berge und die unzähligen Bäume verschmelzen zu einer grünen Landschaft. Es riecht nach Regen.
Im gegenüberliegenden Tal hängt eine Wolke tief zwischen den Bergen. Vielleicht bringt sie tatsächlich irgendwo ein wenig Wasser.
Wir lassen den Blick noch einen Moment wirken und gehen dann zurück in die Küche.
Die Suppe schmeckt fantastisch. Auf dem Tisch liegen mehrere kleine Chilis – ich verzichte dankend und genieße stattdessen die kräftige Brühe mit Herz, Leber und Koriander. Die Hühnerkeule hebe ich mir wie immer bis zum Schluss auf. Danach kann ich mir direkt die Hände waschen. Dazu gibt es natürlich wieder mehrere Tassen Kaffee.
Dann beginnt es zu donnern. Alle schauen nach draußen. Und endlich fallen die ersten Tropfen.