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Reisebericht Guatemala 2026 Teil 3 Reisebericht Guatemala 2026 Teil 3 2026-10-20T16:25:22+00:00 2026-10-20T16:25:26+00:00

Reisebericht Guatemala 2026 Teil 3

Inhaltsverzeichnis

Ausgeschlafen und voller Energie nach einem großartigen Frühstück beginnt der Tag richtig: Fincas. Endlich wieder Fincas. Und dann gleich zwei ganz besondere – die mit den wirklich steilen Hängen.

Schon bei meiner ersten Reise 2014 lernte ich Víctoriano Fidel Juárez López kennen. Damals war er 58 Jahre alt, einer der jüngsten Sozios von COIPEC – und ein echter Cowboy. Ich erinnere mich noch heute daran, wie er mit einem Maultier in einem irrwitzigen Tempo einen Hang hinunterritt. Victoriano war schon damals deutlich jünger, als sein Alter vermuten ließ.

Heute, mit 70 Jahren, wirkt er immer noch voller Energie. Meine erste Frage bei der Begrüßung lautet: „Wie ist das möglich, was machst du?“ Seine Antwort kommt mit breitem Grinsen: „Ich trinke viel Kaffee.“

Vielleicht ist Kaffee tatsächlich ein Jungbrunnen. Glücklicherweise habe ich davon dank Quijote und den Produzent von COIPEC und anderen Kooperativen jederzeit ausreichend Zugang.

Hier gehört Kaffee zu jeder Mahlzeit. Meist wird er mit etwas Zucker in einem Topf auf dem Herd zubereitet und in großen Bechern serviert. Ich werde mich auf etwa neun Tassen täglich einpendeln – jeweils 200 bis 250 Milliliter.

Neben Victoriano begrüßt mich noch Francisco J. Castro Juárez. Mit 37 Jahren ist er tatsächlich ein Junger – zumindest im Vergleich zu Victoriano. Wie fast alle hier empfängt er mich entspannt und herzlich. Nach einigen Witzen über den „Jungspund“ Victoriano sitzen wir schließlich alle im Auto und fahren los.

Die ersten Kilometer sind noch gemütlich. Dann beginnt die schmale, gepflasterte Straße, sich in engen und extrem steilen Serpentinen den Berg hinaufzuschrauben.

Aufgrund der geringen Breite funktioniert eine normale Kurvenfahrt nicht. Das Prinzip lautet: möglichst senkrecht in die Kurve fahren, anhalten, Rückwärtsgang einlegen und sich nach hinten und links so weit wie möglich herantasten. Oft bleiben nur wenige Zentimeter zwischen Auto und Abgrund.

Im Gegensatz zu seinem legendären Maultierritt fährt Victoriano erstaunlich ruhig und besonnen. Gut so – denn je nach Höhe geht es entweder 20 oder 30 Meter hinunter oder gleich mehrere hundert Meter.

Warum genau, weiß ich nicht, aber ich mag solche Fahrten. Vielleicht, weil ich den Menschen hier vertraue. In Guatemala fühle ich mich bei solchen Strecken erstaunlich sicher.

Die Wege in Honduras sind weniger extrem, was die Höhe betrifft, aber nach Regenfällen entstehen dort oft tiefe Fahrrinnen, die das Fahrzeug gefährlich ins Schwanken bringen können. Dort bin ich schon ausgestiegen, weil mir das Risiko zu groß erschien.

Der alte Toyota von Victoriano arbeitet sich dagegen unbeirrt weiter nach oben.

Dann ist plötzlich Schluss. Ein Bagger mit Kran arbeitet an einer geöffneten Straßenstelle und räumt Erde beiseite. Weil der Regen fehlt, haben die Arbeiter den Bereich mit Wasser befeuchtet – entstanden ist ein Gemisch aus Schlamm und Steinen. Die Straße wird an dieser Stelle nur durch eine etwa zehn Zentimeter hohe Kante begrenzt.

Auf diesem schmalen „Balken“ kommt uns ein Arbeiter entgegen. Nach kurzem Austausch mit Victoriano und dem Baggerfahrer setzt dieser sein schweres Fahrzeug zurück und parkt es schräg am Hang.

Ein Hang, der beeindruckt: Schichten aus Schiefergestein, riesige Felsbrocken, Erde, Bäume und Wurzeln, die scheinbar frei in der Wand hängen. Dass der Regen fehlt, ist in diesem Moment fast ein Vorteil – zumindest ist die Gefahr von Schlamm- oder Erdrutschen geringer.

Sobald der Weg frei ist, kämpft sich der Toyota langsam durch den Schlamm.

Kaum geschafft, wartet die nächste Herausforderung. Eine Kurve, bei der die Begrenzung fehlt und ein Teil des Asphalts abgebrochen ist. Kein Problem. Weiter geht es bergauf.

An einer geraden Stelle fehlt schließlich ein größeres Stück Straße. Von meinem Sitz aus fällt der Blick direkt in die Tiefe. Nur wenige Bäume wachsen hier, der Abhang wirkt besonders nah.

„Púchica!“, rufe ich.

Alle lachen laut los. Ich liebe dieses Wort. Es passt immer – je nach Tonfall zu Überraschung, Freude, Frustration oder Staunen. Ein echtes Allzweckwort.

Francisco fragt mich, ob ich keine Angst habe. Lachend antworte ich: „Nein. Nicht jetzt.“

Victoriano nutzt sofort die Gelegenheit und fragt, ob ich weiterfahren möchte.

Ich überlege kurz und sage: In Hamburg und Deutschland fahre ich kaum Auto. Vielleicht ist Guatemala mein Land zum Autofahren – vielleicht aber auch nicht.

Spaß beiseite: Solche Straßen muss man von klein auf kennen. Alles andere wäre Wahnsinn. Gut, dass Victoriano bereits mit sechs Jahren gelernt hat, Auto zu fahren.

Nach gut einer Stunde Fahrt – und erstaunlich wenigen Kilometern, aber unzähligen Höhenmetern – erreichen wir Víctorianos Parzelle.

Auf den ersten Blick erkenne ich allerdings nicht, dass hier Kaffee wächst. Links eine steile Steinwand, rechts eine weitere. Dazwischen ein schmaler Ziegenpfad mit einigen losen Steinen. Der Blick nach oben: nur Grün. Unzählige Grüntöne, Blätter, Schlingpflanzen, Ranken und Bäume – eine Wand aus Leben.

Víctoriano macht zwei, drei Schritte und ist plötzlich drei Meter höher als ich.

Ich muss etwas ungläubig geschaut haben. „¡Vamos!“, sagt er lachend und streckt mir die Hand entgegen. Sie wirkt allerdings noch unerreichbar weit entfernt.

Eigentlich habe ich gute, stabile Trekkingschuhe und fühle mich damit auf Wanderungen fast immer sicher. Hier ist das anders. Ich tapse eher vorsichtig vorwärts, als dass ich wirklich einen Schritt mache. Irgendwie gelingt es. Sobald ich Víctorianos Hand erreiche, zieht er mich weiter nach oben, bis ich auf einem Stein stehe, der zumindest ein bisschen Halt gibt.

Hinter mir kichern Genaro und Francisco. Ich erkläre kurz, dass Hamburg ziemlich flach ist und ich meinen Alltag hauptsächlich im Büro verbringe. Für mich ist dieser Aufstieg bereits „mucho“.

Genaro greift diese kleine Erinnerung an meine Herkunft sofort auf – danach kommen nur noch aufmunternde Worte.

Der schmale Ziegenpfad führt für mein Empfinden fast senkrecht nach oben. Natürlich ist das übertrieben, aber das Gefühl ist unglaublich. Ich frage mich ernsthaft: Wie kann man hier einen Sack Kaffee heruntertragen? Selbst wenn er nicht voll ist – wie soll das funktionieren?

Nach einigen Minuten erreichen wir eine höhere Stelle. Der Blick zurück ist beeindruckend. Das Auto ist noch gut zu erkennen – ein sichtbarer Beweis dafür, wie steil der Hang tatsächlich ist. Ohne die Sicherheit eines Autos um mich herum fällt mir der Blick in die Tiefe allerdings deutlich schwerer.

Der Wunsch, die Kaffeepflanzen zu sehen, ist größer als mein Respekt vor dem Abgrund. Also weiter.

Dann stehen sie plötzlich vor mir: die ersten Bourbon-Pflanzen. Zwei bis drei Meter hohe Kaffeebäume, die eben noch unsichtbar waren, tauchen einfach aus dem Grün auf.

Ich schaue nach oben. Eine weitere grüne Wand aus Kaffeepflanzen, Bäumen und Sträuchern.

Víctoriano zeigt hinauf und erklärt, dass es noch etwa 200 Meter weiter nach oben geht.

Genaro reagiert schneller, als ich antworten kann. Für ihn ist klar: Das reicht. Immerhin habe ich die erste Reihe der Kaffeepflanzen erreicht.

Genaro hat sieben Kinder und acht Enkelkinder. Alle sind erwachsen, und diejenigen, die hier leben, arbeiten auf der Finca mit. Mit dieser Familienkraft wird vieles möglich, was allein kaum vorstellbar wäre.

Auch hier tragen die Pflanzen bereits Kirschen. Einige der stärker exponierten Pflanzen zeigen jedoch deutliche Stresssymptome: unterschiedliche Reifegrade, weniger Blätter und trockene Bereiche. Insgesamt sehen die Pflanzen glücklicherweise dennoch erstaunlich gut aus.

Was für eine Freude.

Auch diese Parzelle braucht regelmäßige Pflege: einmal im Jahr Dünger, Rückschnitt und die Entfernung von Unkraut. Letzteres wird aktuell bewusst reduziert. Bei fehlendem Regen ist jede Bodenvegetation wertvoll, denn sie hilft, Feuchtigkeit zu speichern und schützt vor Bodenerosion.

Hier zeigt sich einmal mehr: Nicht nur die Kaffeepflanzen selbst entscheiden über eine Ernte. Auch der Umgang mit dem Boden und das Wissen der Menschen, die ihn bewirtschaften, sind entscheidend.



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