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Reisebericht Guatemala 2026 Teil 1 Reisebericht Guatemala 2026 Teil 1 2026-10-20T15:37:33+00:00 2026-10-20T16:04:10+00:00

Reisebericht Guatemala 2026 Teil 1

Inhaltsverzeichnis

Ich stelle immer wieder fest, wie schnell die Zeit vergeht. Es ist bereits zwei Jahre her, seit ich das letzte Mal in Guatemala war.

Anders als sonst entsteht diese Reise sehr kurzfristig. Erst zehn Tage vor dem Abflug beginnen die Abstimmungen mit der Kooperative und dem Exporteur. Zwischen Feiertagen in Guatemala und Terminen in Deutschland findet sich schließlich ein passendes Zeitfenster: vom 17. bis zum 25. September.

Die Planung ist schnell erledigt. Im Hinterkopf bleiben jedoch die vielen Herausforderungen, die den Kaffeeanbau inzwischen prägen: neue EU-Verordnungen, die Aussicht auf einen starken, vielleicht sogar historischen El Niño sowie all das, was in der Branche inzwischen beinahe als Normalität gilt – die extreme Volatilität an der Kaffeebörse, der Klimawandel, der demografische Wandel, geopolitische Veränderungen und die angespannte Situation im Transportwesen.

Alle diese Themen auch nur ansatzweise zu behandeln, wäre unmöglich. Deshalb steht dieses Mal vor allem eines im Mittelpunkt: der persönliche Austausch und die Pflege der Beziehungen zu den Mitgliedern von COIPEC.

Dank der Zeitverschiebung beginnt mein Reisetag am Donnerstag bereits um 3:20 Uhr mit dem wenig charmanten Klingelton meines Weckers in Hamburg. Um 16:25 Uhr lande ich schließlich in Guatemala-Stadt.

Da ich dieses Mal allein reise, holen mich Genaro, Ricardo und Jesús vom Flughafen ab. Jesús fährt den Wagen und ist mit Ricardo verwandt. Genaro war viele Jahre Präsident der Kooperative und ist bis heute mein wichtigster Wegweiser durch Guatemala.

Das Wiedersehen fällt wie immer herzlich und laut aus.

Unser Ziel ist das Hotel Palacio Jocotenango in Zone 2, das ich bereits vorab per WhatsApp reserviert habe. Der Flughafen liegt in Zone 13. Gerade Zone 10, 13 und 14 gelten laut Auswärtigem Amt wegen der steigenden Kriminalität als besonders problematisch. Neben Raubüberfällen nimmt seit der Corona-Pandemie auch die Bandenkriminalität zu. Gleichzeitig ist das Verkehrsaufkommen förmlich explodiert.

Laut Google Maps sind es gerade einmal 9,9 Kilometer bis zum Hotel. Eigentlich keine große Strecke.

Tatsächlich brauchen wir mehr als eine Stunde.

Motorräder schlängeln sich von allen Seiten zwischen den Autos hindurch. Ein Krankenwagen verschwindet förmlich im Blechmeer; Blaulicht und Sirene gehen im Hupkonzert der drängelnden Fahrzeuge unter. Die unzähligen LED-Lichter an Autos und Motorrädern spiegeln sich auf dem Asphalt und tauchen die langsam dunkel werdende Stadt in ein flackerndes Licht.

Endlich erreichen wir das Hotel. Mein Plan ist einfach: kurz begrüßen, Flugzeugkleidung ausziehen, Jeans, frisches T-Shirt und neue Socken anziehen. Mehr brauche ich nicht. Bei über 25 Grad wäre selbst eine leichte Jacke nur Ballast.

Nach einem kurzen Klingeln öffnet ein freundlich lächelnder Mann das schwere weiße Stahltor. Er bietet sofort an, mein Gepäck zu tragen. Da ihm das Gehen sichtbar schwerfällt, lehne ich dankend ab und ziehe meinen Duffelbag und den Rollrucksack selbst hinter mir her.

Das Hotel ist alt. Die Holzdielen knarren bei jedem Schritt, die Farbe blättert von den Wänden und es riecht leicht nach Staub. Trotzdem mag ich diesen Ort. Er gehört für mich inzwischen zu Guatemala dazu. Und das Frühstück hier ist jedes Mal großartig – allein darauf freue ich mich jetzt schon.

Ich bekomme wieder dasselbe Zimmer wie bei meinem letzten Besuch. Dieses Mal lässt sich die Tür sogar beim ersten Versuch öffnen. Innen wirkt alles noch etwas älter als vor zwei Jahren. Das stört mich nicht. Zehn Minuten später habe ich frische Kleidung an und fühle mich wie ein neuer Mensch.

Auch Genaro, Ricardo und Jesús haben nach dem langen Reisetag Hunger. Eigentlich gibt es in der Umgebung mehrere Restaurants. Heute jedoch sind überall die Türen verschlossen und viele Schilder bereits abgehängt.

Straßenstände gäbe es genug, doch wir möchten uns lieber setzen. Ein Polizist erklärt uns mit ausladenden Handbewegungen den Weg zu einem Restaurant. Als wir dort ankommen, stehen wir erneut vor einer verschlossenen Tür.

Direkt gegenüber leuchtet ein McDonald's.

Nach diesem langen Tag fehlt uns die Energie, weiterzusuchen. Also eben Fast Food. Drinnen kämpfen wir zunächst mit den Bestellautomaten und stellen schnell fest, dass wir eindeutig nicht zur Zielgruppe gehören. Irgendwann gelingt die Bestellung, wir setzen uns schweigend an einen Tisch und versuchen, Essen und Atmosphäre möglichst wenig Beachtung zu schenken.

Viel wichtiger ist inzwischen der nächste Morgen.

Die Erfahrungen mit dem Verkehr reichen aus, damit Jesús ohne lange Diskussion eine Abfahrt um fünf Uhr vorschlägt. Genaro und Ricardo sind nur selten in Guatemala-Stadt, aber der erste Eindruck genügt ihnen vollkommen.

Also: Abfahrt um fünf Uhr.

Ich bin ohnehin schon gegen halb vier wach. Die zusätzliche Zeit nutze ich, um gemeinsam mit Wladi bei Quijote einige technische Probleme zu lösen. Zum ersten Mal habe ich auf einer Guatemala-Reise ein Handy mit eSIM dabei. Bisher bedeuteten Besuche bei COIPEC für mich fast immer eine Woche ohne Internet.

Pünktlich stehen Jesús, Ricardo und Genaro vor dem Hotel. Auf das ersehnte Frühstück muss ich verzichten. Es sollte mein letztes Mal im alten Palacio gewesen sein.

Vor uns liegen 248 Kilometer bis Corral Grande, dem kleinen Ort, in dem Genaro und viele Mitglieder von COIPEC leben.

Unser erstes Ziel ist klar: so schnell wie möglich aus Guatemala-Stadt heraus. Dank der frühen Uhrzeit gelingt das überraschend gut.

Gegen halb neun halten wir an einer Tankstelle mit kleinem Coffee Shop. Der Kaffee ist ordentlich – und genau darum geht es in diesem Moment.

Jesús fährt ruhig und aufmerksam. Während draußen die Landschaft vorbeizieht, wechseln die Gesprächsthemen ständig: Kaffee, Politik, Marimba und Queen, Drogen, der ausbleibende Regen, Anacafé, Familien, Ernteausfälle bei Mais und Bohnen, steigende Lebensmittelpreise, die Folgen des Bürgerkriegs und natürlich die aktuelle Situation der Kaffeebranche in Guatemala und Deutschland.

Immer wieder denke ich, dass Genaro ein Buch schreiben müsste. Sein Wissen nicht festzuhalten, wäre ein großer Verlust. Er ist inzwischen 75 Jahre alt und sagt selbst, dass sich 95 Prozent seines Lebens um Kaffee drehen: Kaffee pflanzen, veredeln, düngen, rösten, verkosten, darüber sprechen, ihn trinken und darüber nachdenken, wie COIPEC in zwanzig Jahren aussehen könnte.

Außerhalb der Städte zieht eine Landschaft vorbei, die sich wie eine Endlosschleife anfühlt: Müll, Reifenhändler, Imbissbuden mit „Pollo“, staubige Möbelgeschäfte, vertrocknete Maisfelder, Spielzeugläden, Berge am Horizont, ausgemergelte Hunde, Kinder am Straßenrand, Stoßstangen, Dosen im Straßengraben – und immer wieder Müll.

Über allem liegt eine zähe, grau-schwarze Abgasglocke. Dazu das permanente Scheppern, Röhren und Hupen unzähliger Fahrzeuge.

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