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Reisebericht Guatemala 2026 Teil 2 Reisebericht Guatemala 2026 Teil 2 2026-10-20T16:03:39+00:00 2026-10-20T16:03:44+00:00

Reisebericht Guatemala 2026 Teil 2

Inhaltsverzeichnis

An einem kleinen Aussichtspunkt mit Blick auf den Atitlán-See vertreten wir uns für 20 Quetzales (ca. 2,30 €) kurz die Beine. Gegen 10:30 Uhr legen wir an einem großen Rastplatz mit rund 20 Autos und mehreren Reisebussen eine Frühstückspause ein.

Als wir das Restaurant verlassen, stehen dort inzwischen vier Reisebusse. Sie sind – genau wie wir – auf dem Weg nach San Marcos, dem Departamento, zu dem auch das Dorf Corral Grande gehört.

Eine ältere Frau in traditioneller Kleidung fragt mich, wo wir gerade sind. Ich muss lachen. Ich weiß es nicht. Irgendwo auf dem Weg nach San Marcos.

Je näher wir unserem Ziel kommen, desto klarer wird mir: Unser Termin mit dem Exporteur am kommenden Mittwoch um zehn Uhr ist kaum zu schaffen. Selbst eine Abfahrt mitten in der Nacht wäre keine Garantie. Nachtfahrten gehören ohnehin nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Die Straße nach San Marcos ist zwar deutlich besser als noch vor zwölf Jahren, entspannt ist sie deshalb trotzdem nicht.

Genaro sieht das genauso. Schnell steht fest: Wir werden bereits am Dienstagmittag wieder Richtung Guatemala-Stadt aufbrechen müssen. Beim letzten Besuch kamen wir mehr als zwei Stunden zu spät – den neuen Geschäftsführer möchte ich nicht warten lassen.

Das Thema Exporteure in Guatemala bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Seit 2012 hat Quijote mit insgesamt 13 verschiedenen Exporteuren zusammengearbeitet. Jeder wäre ein eigenes Kapitel wert. Zwei waren sowohl COIPEC als auch Quijote gegenüber wirklich angenehm. Bei den meisten anderen fällt mein Urteil deutlich zurückhaltender aus.

Gegen halb eins erreichen wir Corral Grande.

Entlang des Flusses sehe ich zum ersten Mal Menschen, die Kies, Steine und Schlick aus dem Flussbett holen, sortieren und als Baumaterial verkaufen. Wenige Meter weiter versuchen andere mit Eimern oder dünnen Wasserschläuchen ihre Felder zu bewässern – mitten im September, eigentlich der Regenzeit. Viele Familien halten Hühner und bauen ihr eigenes Gemüse an. Die improvisierten Siebe am Flussufer wirken wie Vorboten noch schwierigerer Zeiten.

Noch ein kleiner Hügel – dann sind wir da.

Ich steige aus dem Auto und bleibe wie angewurzelt stehen.

„¿Qué es eso?“ – „Was ist das denn?“

Dort, wo ich Genaros altes Haus erwartet habe, steht ein modernes Gebäude. Der Patio, auf dem ich mir vor Jahren beim Fußballspielen mit Gerrit und zwei Mädchen das Knie aufgeschlagen habe, ist kaum wiederzuerkennen. Genaro grinst breit. Ricardo und Jesús lachen laut. Offenbar haben sie genau mit dieser Reaktion gerechnet.

Genaro schnappt sich meine Reisetasche und führt mich um die Ecke. Dort steht er noch: der alte Hausteil mit dem zerrissenen Sofa, der Küche und dem U-förmigen Innenhof unter dem schützenden Dach.

Den Neubau haben seine Kinder und Enkel organisiert und finanziert. Nach einem Jahr Bauzeit gibt es nun hohe Räume, zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer und einen großen Wohnbereich – hell, modern und wunderschön.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch. Damals war das Haus niedrig, schief und mit Wellblech gedeckt. Fenster bestanden aus offenen Rechtecken, die nachts mit Holzbrettern verschlossen wurden. Der Küchenboden war nichts weiter als festgestampfte Erde.

Ich freue mich von Herzen für Genaro und Mama Linda. Sie haben sieben Kinder großgezogen, ihr Leben lang hart gearbeitet und oft schon um drei oder vier Uhr morgens begonnen. Alle sieben Kinder konnten zur Schule gehen, einige sogar studieren. Dass sie ihren Eltern nun dieses Zuhause schenken konnten, berührt mich sehr.

Mit sichtbarem Stolz zeigt mir Genaro noch einen leeren Raum mit separatem Eingang. Sein Traum ist es, dass dort eines Tages regelmäßig ein Arzt Sprechstunden anbietet.

Fünf Kirchen gibt es in Corral Grande – aber keinen Arzt.

Die nächste Praxis liegt in San Pedro Sacatepéquez, rund 14 Kilometer entfernt. Für Menschen ohne eigenes Auto kann selbst diese Strecke zu einer echten Hürde werden. Zwar sind inzwischen viele Straßen asphaltiert, doch Wetter und Transportmöglichkeiten bestimmen weiterhin, wie erreichbar medizinische Versorgung tatsächlich ist.

Ricardo werde ich am Dienstag bei der Vollversammlung der Kooperative wiedersehen, Jesús vermutlich erst nächste Woche in Guatemala-Stadt.

Mit einem Glas Zitronenlimonade sitze ich auf dem neuen Sofa – geschützt durch einen etwas zu großen Sofaschoner – und kann mir das Grinsen nicht verkneifen.

Kurz darauf kommt Mama Linda nach Hause. Entsetzt stellt sie fest, dass wir noch kein Mittagessen hatten. Alle Einwände wegen unseres üppigen Frühstücks bleiben wirkungslos.

Nach dem wie immer fantastischen Essen machen Genaro und ich uns auf den Weg zu seiner Finca. Sie besteht aus zwei Parzellen, nur wenige Hundert Meter vom Haus entfernt.

Die erste liegt rechts der Straße und steigt für mein Empfinden steil an. Dass ich meine Vorstellung von „steil“ schon am nächsten Tag vollständig überdenken werde, ahne ich noch nicht.

Die Bourbon-Pflanzen wirken kräftig und gesund. Von Trockenstress ist kaum etwas zu sehen. Der Dünger liegt bereits ausgebracht – jetzt fehlt nur noch der Regen. Schattenbäume und der steinige Boden scheinen hier viel Feuchtigkeit zu speichern.

Auf der anderen Straßenseite zeigt sich ein völlig anderes Bild. Die Fläche ist flacher und deutlich stärker der Sonne ausgesetzt. Einige Pflanzen tragen bereits Kirschen, andere haben gelbe Blätter, vertrocknete Zweige und wirken sichtbar gestresst. Obwohl beide Parzellen nur wenige Meter voneinander entfernt liegen, werden Ertrag und Qualität in diesem Jahr unterschiedlich ausfallen. Der fehlende Regen macht den Unterschied.

Wir gehen weiter, bis wir in der Ferne den Fluss und den Wasserfall auf der gegenüberliegenden Bergseite hören.

„Entre los Cerros“ – „Zwischen den Hügeln“.

Passender hätte die Kooperative ihren Beinamen kaum wählen können. Für mich als Hamburger sind das längst Berge. Grün, eindrucksvoll und wunderschön.

Am Abend wartet – trotz des späten Mittagessens – schon die nächste reichhaltige Mahlzeit.

Nach einer warmen Dusche befreit Genaro mein Zimmer noch von einer Spinne, die eindeutig größer ist als das, was ich nachts neben meinem Bett akzeptieren möchte.

Kurz darauf falle ich ins Bett und schlafe zum ersten Mal auf dieser Reise richtig tief. Dass der erste Hahn bereits um 2:36 Uhr kräht, gehört hier einfach dazu. Elf Stunden später wache ich ausgeschlafen in der wohl gemütlichsten Unterkunft auf, die ich mir in Guatemala wünschen kann.

Am nächsten Morgen werde ich meine Definition eines steilen Hangs endgültig überdenken – und dabei einige der besten Kaffees der Reise trinken.

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